Ein ganz normaler Urlaubstag. Wir sind in einer neuen Stadt unterwegs und laufen durch unbekannte Straßen. Für Ted bedeutet das: neue Hunde, neue Gerüche, fremde Geräusche und viele Menschen. Zwei oder drei Stunden lang ist alles aufregend und interessant. Danach fühlt es sich bei ihm an, als wäre nur noch „Matsche im Kopf“ übrig. Und bei mir?
Eigentlich ist es ganz ähnlich. Auch mir werden die Menschenmassen nach einigen Stunden zu viel. Die Geräusche, die vielen Bewegungen und die ständigen neuen Eindrücke strengen mich an. Irgendwann sehne ich mich nur noch nach unserer Unterkunft: ruhig, reizärmer und abgeschieden.
Hast du dich und deinen Hund wiedererkannt? Viele feinfühlige Menschen mit Hund kennen das Gefühl, dass eine zunächst schöne Unternehmung irgendwann kippt. Nicht, weil etwas Schlimmes passiert sein muss, sondern weil sich über Stunden viele kleine Reize angesammelt haben. Selbst in einer scheinbar beschaulichen Stadt kann die Summe der Eindrücke so groß werden, dass die eigene Kapazität erschöpft ist.
Vom Durchhalten zur Annahme deiner Feinfühligkeit
Früher habe ich oft versucht, einfach weiterzumachen. Was andere schaffen, muss ich doch auch schaffen. Also blieb ich länger in der Stadt, ging weiter durch volle Straßen und redete mir ein, dass ich mich nicht so anstellen dürfe. Ich wollte den Urlaub genießen und den Tag möglichst gut nutzen. Das Ergebnis war jedoch häufig Frust. Je länger der Tag dauerte, desto gereizter wurde ich. Menschen, die uns im Vorbeigehen sehr nahe kamen oder keine Rücksicht nahmen, gingen mir zunehmend auf die Nerven. Später kam es nicht selten zu Streit mit meinem Mann, weil meine innere Anspannung längst so groß geworden war, dass kaum noch Raum für Geduld blieb.
Auch im Umgang mit Ted wurde ich dann ungeduldiger. Mein Tonfall veränderte sich. Ich wollte nicht mehr, dass er an jeder Stelle ausgiebig schnüffelte, weil ich selbst nur noch nach Hause wollte. Wenn er an der Leine zog oder sich nicht so bewegte, wie ich es mir vorgestellt hatte, verstärkte das meinen Stress. Ich war nicht stolz darauf, aber ich habe verstanden, dass diese Momente nicht bedeuteten, dass ich meinen Hund nicht liebte. Sie zeigten mir, dass meine Kapazität erschöpft war.
Erst als ich mich intensiver mit meiner Feinfühligkeit auseinandersetzte, konnte ich einen anderen Blick auf mich entwickeln.
Ich bin nicht komisch, nicht falsch und ich muss nicht alles genauso machen wie andere Menschen.
Sensory Processing Sensitivity, häufig mit Hochsensibilität in Verbindung gebracht, beschreibt Unterschiede darin, wie Menschen Reize, Gefühle und Informationen verarbeiten. Dazu können eine tiefere Verarbeitung, eine stärkere Wahrnehmung von Zwischentönen und eine schnellere Überforderung bei vielen Reizen gehören. Gleichzeitig ist Feinfühligkeit keine Diagnose und nicht bei jedem Menschen gleich ausgeprägt.
Deinen Körper verstehen und Stresssignale früher erkennen
Zu diesem Weg gehörte auch, wieder mehr auf meinen Körper zu hören. Heute weiß ich, dass ich meine Überforderung oft zuerst daran bemerke, dass ich im Umgang mit Ted ungeduldig werde. Wenn er scheinbar endlos an einer Schnüffelstelle bleibt, kann das in mir sofort Widerstand auslösen. Früher habe ich nur gedacht: Jetzt komm endlich weiter.
Heute versuche ich, einen Moment innezuhalten und mich zu fragen:
- Wie fühlt sich mein Atem gerade an?
- Sind meine Schultern angespannt?
- Schlägt mein Herz schneller?
- Bin ich noch geduldig oder eigentlich schon erschöpft?
- Brauche ich gerade mehr Abstand, Ruhe oder eine Entscheidung für den Rückweg?
Dieser kurze Check-in verändert nicht automatisch die gesamte Situation. Aber er gibt mir die Möglichkeit, früher zu reagieren. Ich kann eine Pause einplanen, Ted mehr Zeit zum Schnüffeln geben oder bewusst entscheiden, dass wir einen ruhigeren Weg zurücknehmen. Ich muss nicht warten, bis ich gereizt reagiere.
Eine kleine Körperübung für deinen Alltag
Du kannst diese Übung direkt ausprobieren. Nimm dir einen ruhigen Moment und richte deine Aufmerksamkeit für einige Atemzüge nach innen und frage dich:
- Wo spüre ich gerade Enge?
- Wo ist vielleicht Weite?
- Wie fühlt sich mein Kiefer an?
- Wie liegen meine Schultern?
- Was könnte ich jetzt tun, um mir ein wenig mehr Sicherheit oder Entlastung zu geben?
Vielleicht brauchst du ein Glas Wasser, eine Pause, weniger Geräusche oder einfach die Erlaubnis, heute nicht mehr leisten zu müssen. Dein Körper muss nicht sofort ruhig werden. Es reicht, wenn du beginnst, ihm wieder zuzuhören.
Warum sensible Menschen sensible Hunde wählen
Vielleicht fragst du dich nun: Warum suchen sich feinfühlige Menschen manchmal Hunde aus, die selbst sensibel, schnell erregt oder besonders aufmerksam sind? Verstärkt sich die Reizüberflutung dann nicht noch zusätzlich?
Die Vorstellung, dass dein Nervensystem sich automatisch genau das Bekannte aussucht, weil es dieses mit Sicherheit verwechselt, klingt zunächst schlüssig. Sie ist jedoch keine allgemeingültig bewiesene Erklärung dafür, warum Menschen bestimmte Partner oder Hunde wählen.
Bei der Wahl eines Hundes spielen viele Faktoren eine Rolle: sein Aussehen, sein Verhalten als Welpe, die Rasse oder Mischung, die Lebensumstände, die Beratung, Zufälle und die Erwartungen der zukünftigen Halterin.
Auch die Idee, sensible Menschen würden sich „magisch“ von sensiblen Hunden angezogen fühlen, solltest du deshalb eher als persönliche Deutung und nicht als biologische Gesetzmäßigkeit verstehen.
Was sich jedoch im Alltag beobachten lässt: Menschen und Hunde beeinflussen sich in einer engen Beziehung gegenseitig. Gemeinsame Routinen, Stress, Erholung und die Gestaltung der Umwelt können sich auf beide auswirken. Die Beziehung ist kein einseitiger Prozess, sondern entwickelt sich aus vielen gemeinsamen Erfahrungen.
Vielleicht hast du keinen Hund gewählt, der dir ähnelt. Vielleicht habt ihr euch gemeinsam entwickelt.
Zwei empfindsame Wesen brauchen Pausen
Wenn du und dein Hund viele Reize intensiv verarbeitet, kann es besonders wichtig sein, Pausen bewusst einzuplanen.
Das kann bedeuten:
- nach einem aufregenden Ausflug einen ruhigen Tag einzulegen
- in der Stadt frühzeitig einen Rückzugsort aufzusuchen
- deinem Hund eine geschützte Ruhezone anzubieten
- selbst nicht bis zur völligen Erschöpfung weiterzumachen
- Spaziergänge so zu gestalten, dass dein Hund schnüffeln und in seinem Tempo erkunden darf
- Reize zu reduzieren, bevor dein Hund oder du über die eigene Grenze hinausgeht.
Eine Box oder eine Decke kann für manche Hunde ein angenehmer Rückzugsort sein, wenn sie positiv aufgebaut wird und der Hund sie freiwillig nutzen kann. Sie sollte niemals als Zwang oder Strafe eingesetzt werden.
Auch ein Lieblingsspielzeug kann Sicherheit und Vertrautheit vermitteln. Ob ein Kuscheltier beruhigend wirkt, ist individuell. Manche Hunde lieben weiche Gegenstände, andere werden dadurch eher zum Spielen angeregt.
Und falls du selbst als Erwachsene ein Kuscheltier besitzt, ist das ebenfalls vollkommen in Ordnung. Wenn es dir Trost, Vertrautheit oder ein gutes Körpergefühl gibt, darf es einen Platz in deinem Leben haben.
Raus aus der Reizüberflutung
Vielleicht wächst dir der Alltag mit deinem Hund manchmal über den Kopf. Die Geräusche, Menschen und Erwartungen werden zu viel. Du merkst, dass deine Geduld abnimmt und dein Hund gleichzeitig unruhiger oder schwerer ansprechbar wird.
- Dann musst du nicht noch mehr leisten.
- Du darfst zunächst die Reize reduzieren.
- Du darfst nach Hause gehen.
- Du darfst einen Spaziergang abkürzen.
- Du darfst deinen Hund an einem ruhigen Ort schnüffeln lassen, ohne daraus eine Trainingsstunde zu machen.
- Du darfst anerkennen, dass ein Tag mit wenig Kapazität nicht automatisch ein schlechter Tag ist.
Sicher in dir
In meinem Coachingprogramm „Sicher in mir“ begleite ich feinfühlige Menschen dabei, die Signale ihres Körpers besser wahrzunehmen und ihren Alltag mit Hund bedürfnisorientierter zu gestalten.
Gemeinsam schauen wir darauf,
- welche Reize dich und deinen Hund besonders fordern
- woran du frühe Anzeichen von Überforderung erkennst
- wie du rechtzeitig Pausen einplanen kannst
- welche Erwartungen zusätzlichen Druck erzeugen
- wie du deine Grenzen und die deines Hundes ernst nimmst
- welche kleinen Veränderungen mehr Sicherheit und Ruhe in euren Alltag bringen können.
Dabei geht es nicht darum, deinen Hund oder dich „passend“ zu machen. Es geht darum, euch als Mensch-Hund-Team besser zu verstehen. Ein entspannter Hund beginnt nicht immer bei einer vollkommen ruhigen Halterin und deine Ruhe ist keine Voraussetzung dafür, dass dein Hund sich gut entwickeln darf.
Ihr könnt beide lernen, beide Grenzen haben und ihr müsst nicht jeden Tag gleich viel können.
Wenn du die Signale deines Körpers besser verstehen und mehr Gelassenheit in deinem Alltag entwickeln möchtest, findest du hier alle Informationen zu „Sicher in mir“.
Vielleicht seid ihr euch nicht deshalb begegnet, weil ihr exakt gleich seid oder weil ihr gemeinsam lernen dürft, was euch guttut.
Liebe Grüße
Deine Monique
Quellen: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13098081/; https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13098081/
