Dein Hund rennt voller Freude über die Wiese. Du rufst ihn, doch er hebt nicht einmal den Kopf. In dir steigt Ärger auf.

Vielleicht kommt gleichzeitig ein anderer, viel schmerzhafterer Gedanke:

Ich bin ihm nicht wichtig.
Nicht einmal mein Hund beachtet mich.
Warum kommt er nicht zu mir?

Dieser Moment kann mehr auslösen als Enttäuschung über einen nicht funktionierenden Rückruf. Manchmal berührt er ein altes Gefühl: nicht gesehen, nicht gehört oder nicht wichtig zu sein.

Wichtig ist dabei: Dein Hund ignoriert dich nicht automatisch aus Ablehnung. Ein Rückruf kann in einer aufregenden Umgebung noch nicht ausreichend gefestigt sein, der Geruch auf der Wiese kann gerade besonders spannend sein oder dein Hund hat gelernt, dass das Kommen häufig das Ende des Freilaufs bedeutet. Auch Unsicherheit, Überforderung und konkurrierende Reize können eine Rolle spielen.


Wenn ein aktueller Moment alte Gefühle berührt

Vielleicht hast du in deiner Kindheit erlebt, dass deine Eltern körperlich anwesend, emotional aber nur begrenzt erreichbar waren. Sie waren mit ihren eigenen Sorgen, ihrer Arbeit oder ihren Belastungen beschäftigt. Vielleicht wussten sie selbst nicht, wie sie dich in schwierigen Momenten begleiten sollten. Möglicherweise gab es damals nur wenig Raum für Sätze wie:

Ich sehe dich.
Du bist sicher.
Ich bin da.
Deine Gefühle sind wichtig.

Das muss nicht bedeuten, dass deine Eltern dich nicht geliebt haben. Viele Eltern geben weiter, was sie selbst gelernt oder nicht gelernt haben. Sie handeln oft aus ihren eigenen Erfahrungen, Überforderungen und Verletzungen heraus.

Auch schwierige Erfahrungen früherer Generationen können Familien prägen. Forschung zu intergenerationalen Belastungen beschreibt mögliche Wege, über die sich traumatische Erfahrungen auf spätere Generationen auswirken können – etwa über Beziehungsmuster, Stressverarbeitung und die Art, wie Gefühle in einer Familie behandelt werden. Diese Zusammenhänge sind jedoch komplex und bedeuten nicht, dass jede heutige Schwierigkeit direkt auf die Kriegserfahrungen früherer Generationen zurückgeführt werden kann.

Du musst deine Eltern nicht verurteilen, um anzuerkennen, was dir vielleicht gefehlt hat. Beides darf nebeneinander bestehen:

Du kannst deine Eltern lieben und du darfst trotzdem traurig darüber sein, dass du dich manchmal nicht gesehen oder emotional allein gefühlt hast.

Wie sich alte Gefühle heute zeigen können

Vielleicht bemerkst du dieses Gefühl in ganz unterschiedlichen Situationen: Dein Partner schaut beim Abendessen auf sein Handy, während du ihm etwas erzählst. Du spürst, wie du innerlich zumachst. Eine Kollegin unterbricht dich immer wieder, weil sie lieber von sich selbst erzählt. Du lächelst noch, obwohl du dich längst nicht mehr gehört fühlst. Dein Hund schnüffelt auf der Wiese, zieht weiter und reagiert nicht auf deinen Rückruf. Du wirst wütend, obwohl du gleichzeitig spürst, dass es um mehr geht als um diesen einen Moment.

Vielleicht fühlt es sich dann für einen Augenblick so an, als wärst du wieder allein mit deinen Bedürfnissen. Als würde niemand wirklich zuhören und du müsstest dich noch stärker bemerkbar machen, damit endlich jemand reagiert. Diese Reaktion ist nicht übertrieben. Sie kann ein Hinweis darauf sein, dass eine aktuelle Situation etwas Altes berührt.


Dein Hund ist nicht die Ursache deines Schmerzes

Wenn dein Hund beim Spaziergang nicht auf dich reagiert, bedeutet das nicht automatisch, dass er dich nicht liebt oder eure Bindung schwach ist. Ein Hund auf einer Wiese nimmt unzählige Gerüche wahr. Manchmal ist der Reiz stärker als das Signal, das du ihm gibst. Vielleicht wurde der Rückruf in dieser Umgebung noch nicht ausreichend aufgebaut oder die Ablenkung ist zu groß und die Distanz zu weit.

Der Moment kann trotzdem Gefühle in dir auslösen. Dein Hund verursacht nicht deine alte Verletzung. Aber die Situation kann sie sichtbar machen. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn wenn du deinen Hund als Ursache deines Schmerzes betrachtest, entsteht schnell Ärger oder Druck. Wenn du die Situation als möglichen Auslöser verstehst, kannst du neugierig werden:

Was genau hat mich gerade so getroffen?
Fühle ich mich im Moment nur nicht gehört oder kenne ich dieses Gefühl schon länger?
Was brauche ich jetzt, damit ich mich wieder sicherer und verbundener fühle?


Wenn dein Hund zum Spiegel deiner Bedürfnisse wird

Dein Hund kann dir helfen, deine Reaktionen bewusster wahrzunehmen. Möglicherweise wünschst du dir:

  • mehr Aufmerksamkeit;
  • Verlässlichkeit;
  • Nähe;
  • Anerkennung;
  • Unterstützung;
  • das Gefühl, wichtig zu sein.

Diese Bedürfnisse sind menschlich. Sie machen dich nicht schwach. Gleichzeitig kann dein Hund diese Bedürfnisse nicht vollständig erfüllen. Er kann dir Nähe schenken, dich begleiten und dir Sicherheit im Alltag geben. Aber die tiefe Erfahrung, gesehen, gehört und gehalten zu werden, darf auch durch menschliche Beziehungen und professionelle Unterstützung Raum bekommen.

Dein Hund darf dein Begleiter sein. Er muss nicht dein Therapeut sein.

Was du in diesem Moment ausprobieren kannst

Wenn dein Hund beim Rückruf nicht reagiert und du merkst, dass dich das emotional stark trifft, kannst du für einen Augenblick innehalten. Atme aus, nimm wahr, was in dir passiert. Vielleicht sagst du dir:

Mein Hund reagiert gerade nicht auf meinen Rückruf. Das bedeutet nicht, dass ich ihm unwichtig bin.

Dann kümmere dich um die konkrete Situation. Sorge dafür, dass dein Hund sicher bleibt, und überprüfe später in Ruhe, wie der Rückruf in dieser Umgebung weiter aufgebaut werden kann.

Für das Training kann es hilfreich sein, zunächst in einer reizarmen Umgebung zu üben, den Rückruf mit etwas Angenehmem zu verknüpfen und die Schwierigkeit langsam zu steigern. Ein Rückruf sollte nicht nur dann erfolgen, wenn anschließend der Spaß endet. Bei Unsicherheit oder starkem Jagdverhalten ist eine qualifizierte, positiv arbeitende Hundetrainerin oder ein Hundetrainer eine gute Unterstützung.

Und für dich darf zusätzlich die Frage im Raum stehen:

Was hat dieser Moment in mir berührt?


Innere Sicherheit entsteht Schritt für Schritt

Vielleicht hast du lange im Außen nach dem Gefühl gesucht, gesehen und bestätigt zu werden.

Du wolltest, dass dein Partner dich aufmerksam wahrnimmt. Du hast gehofft, dass Kolleginnen deine Bedürfnisse berücksichtigen. Und du hast dir gewünscht, dass dein Hund immer sofort auf dich reagiert.

Diese Wünsche sind verständlich. Innere Sicherheit bedeutet jedoch nicht, dass du nie wieder enttäuscht wirst oder dass andere immer genau so reagieren, wie du es brauchst. Sie bedeutet vielmehr, dass du dich selbst in schwierigen Momenten nicht verlässt.

Du kannst lernen, deine Gefühle ernst zu nehmen, ohne ihnen sofort vollständig ausgeliefert zu sein. Du kannst dir selbst sagen:

Ich merke, dass mich das gerade tief trifft.
Ich darf traurig sein.
Ich bin auch dann wertvoll, wenn mich jemand gerade nicht beachtet.
Ich darf Unterstützung brauchen.


Sicher in mir

In meinem Onlinecoaching „Sicher in mir“ schauen wir gemeinsam auf genau diese Themen.

Wir fragen uns:

  • Wann fühlst du dich im Alltag nicht gesehen?
  • Welche Situationen mit deinem Hund lösen besonders starke Gefühle aus?
  • Welche Bedürfnisse stehen hinter deinem Ärger oder deiner Enttäuschung?
  • Wie kannst du deinen Körper früher wahrnehmen?
  • Was hilft dir, dich selbst in schwierigen Momenten nicht zu verlieren?
  • Wie kannst du die Verbindung zu deinem Hund stärken, ohne von ihm die Heilung alter Verletzungen zu erwarten?

Du erhältst alltagstaugliche Impulse, mit denen du wieder Kontakt zu deinem Körper und deinen Bedürfnissen aufnehmen kannst.

Nicht, damit du nie wieder getriggert wirst, sondern damit du dich in solchen Momenten besser verstehen, begleiten und unterstützen kannst.

Dein Hund muss dich nicht immer sofort beachten, damit du wichtig bist. Du bist wertvoll, auch wenn jemand gerade nicht reagiert und vielleicht beginnt der Weg zu mehr innerer Sicherheit genau dort, wo du dir selbst zum ersten Mal ruhig und liebevoll sagst: Ich sehe dich. Ich höre dich. Ich bin da.

Alle Informationen zu meinem Coachingprogramm „Sicher in mir“ findest du hier.

Liebe Grüße

Monique


Quellen: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13072029/; https://www.halocollar.com/blog/dog-training/why-dog-ignores-recall/

War dieser Beitrag hilfreich für dich? Dann freue ich mich, wenn du ihn teilst.